Dipl. Ing. J. Fehre, Siemens AG, Dipl. Ing. W. Krauß, Richard Wolf Endoskope, Dr. rer.
nat. A.
Lutz, Dornier Medizintechnik GmbH, Dipl.-Ing.R. Reitmajer, MTS - Medi-cal Technologies, Dipl. Phys.
A. Tóth-Kischkat, DIGEST, Prof. Dr. F. Ueberle, FH Hamburg Harburg, Dr. rer. nat.O. Wess, Storz
Medical
1 Einführung
Seit Anfang der 90er Jahre werden unter dem Begriff Extrakorporale Stoßwellentherapie
(ESWT) und seit Ende der 90er Jahre auch unter dem eingetragenen Markennamen „radiale
Extrakorporale Stoßwellentherapie (rESWT)“ akustische Wellen zur Behandlung chronischer
Schmerzen und Knochenheilungsstörungen sowie weiterer Erkrankungen eingesetzt.
Entsprechende in der Orthopädie eingesetzte Geräte zur Erzeugung akustischer
Wellen werden als Stoßwellengeräte bezeichnet. In Fach- und Herstellerpublikationen
haben sich der Begriff „fokussierte Stoßwelle“ und der – physikalisch unzutreffende - Begriff
„radiale Stoßwelle“ verbreitet.
Der Begriff „Stoßwellentherapie“ leitet sich historisch von der Extrakorporalen
Stoßwellenlithotripsie (ESWL) ab, die klinisch erstmals 1980 zur berührungsfreien und
nicht-invasiven Zertrümmerung von Nierensteinen angewendet wurde.
Der in der Medizin verwendete Begriff der „radialen Stoßwelle“ entspricht jedoch nicht der
physikalischen Definition einer Stoßwelle. Aus physikalischer Sicht handelt es sich bei
Stoßwellen um eine Sonderform von Druckwellen. *
In den folgenden Abschnitten werden ausgehend von dem Oberbegriff „Druckwelle“ die
besonderen Eigenschaften von Stoßwellen erläutert und die unterschiedlichen
physikalischen Eigenschaften von Druck- und Stoßwellen diskutierte. Darüber hinaus
werden die gängigen Prinzipien zur Erzeugung von Druckwellen für die Therapie
orthopädischer Erkrankungen vorgestellt.
2 Physikalische Grundlagen
Akustische Wellen sind Druck- und Dichteschwankungen, die sich in einem Medium wie Wasser,
Weichgewebe, Körperflüssigkeiten und auch in festen Körpern wie Knochen,
Metallen und anderen Materialien mit einer für das Medium typischen Geschwindigkeit
ausbreiten. Sie werden daher auch als Druckwellen bezeichnet.
Im einfachsten Fall handelt es sich um periodische, sinusförmige Schwingungen wie sie in
Abbildung 1
dargestellt sind. Umfasst der Wellenzug nur einen kurzen Zeitausschnitt von einer oder wenigen
Signalperioden, so kann man dies als einen Schall- oder Druckpuls
bezeichnen. Ein Beispiel hierfür sind die bei diagnostischem Ultraschall eingesetzten
Schallpulse ( Abbildung 2 ).
Akustische Wellen können außerhalb des Körpers erzeugt und ohne
Verletzung der Haut in den Körper eingeleitet werden. Damit ergibt sich die Möglichkeit,
derartige Wellen an der Körperoberfläche bzw. im Körper an einem definierten
Ort zur Wirkung zu bringen.
Wenn die Amplituden von Druckwellen sehr hohe Werte annehmen (typisch 10-100 MPa),
können sich Wellen aufsteilen. Die Ursache dafür ist die Nichtlinearität des Ausbreitungsmediums.
Darunter versteht man die Tatsache, dass sich die Druckschwankung bei sehr hohem Druck
schneller ausbreitet als bei geringem Druck. Der Vorgang der Aufsteilung einer Wellenfront ist in Abbildung 3
schematisch dargestellt.
Der Vorgang der Aufsteilung hat gewisse Ähnlichkeiten mit Wasserwellen, die sich am Strand
überschlagen. Anders als bei Wellen an der Wasseroberfläche können sich Druckwellen im Volumen
(z.B. im Wasser oder Gewebe) nicht überschlagen.
Wenn sich der Druck innerhalb sehr kurzer Distanzen, deutlich kürzer als ¼ der Pulslänge,
sprunghaft ändert, spricht man von einer Stoßwelle.
Erst wenn Druckwellen bzw. Druckpulse diese besonderen Eigenschaften (Steilheit) aufweisen,
bezeichnet man sie als Stoßwellen . Abbildung 4
zeigt schematisch den zeitlichen Verlauf einer Stoßwelle. Charakteristisch ist der steile Anstieg in
der Größenordung von 10ns während der der Druck von Umgebungsdruck auf bis zu 100MPa
ansteigt. Dem Überdruck folgt eine Unterdruckphase mit einem negativen Druck in der
Größenordnung von bis zu 10MPa. Das in Abbildung 5
dargestellte Signal ist das mit einem Laserhydrophon gemessene Drucksignal im Fokus einer
Stoßwellenquelle. Es weist den charakteristischen Verlauf einer Stoßwelle auf, und zeigt das Bild
eines realen Messsignals mit Rauschanteilen.
3 Verfahren der Druckpulserzeugung
Druckpulse in dem in Kapitel 2 definierten Sinn werden heute mit verschiedenen Methoden
erzeugt, wobei zwei grundsätzlich verschiedene Erzeugungsprinzipen unterschieden werden
können: Verfahren bei denen Druckpulse primär durch die Umwandlung elektrischer Energie
erzeugt werden (Abschnitt 3.1 ) und Verfahren bei denen primär mechanische Energie in akustische
Energie umgewandelt wird (Abschnitt 3.2 ).
3.1 Druckpulserzeugung mit elektrischer Energie
Die hier diskutierten Erzeugungsprinzipien beruhen auf der Umwandlung elektrischer Energie in
akustische Energie.
- elektrohydraulisch
- piezoelektrisch
- elektromagnetisch, Flachspule/Linse
- elektromagnetisch, Zylinderspule/Reflektor
Alle Systeme haben die Eigenschaft mindestens bei hohen Energien Stoßwellen
, in dem in Abschnitt 2 beschriebenen Sinn, zu erzeugen
3.1.1 Elektrohydraulische Druckpulserzeugung
Die elektrohydraulische Druckpuls- bzw.
Stoßwellenerzeugung beruht auf einer energiereichen Funkenentladung im Wasserbad. Die
explosionsartige Verdampfung des Wassers um den elektrischen Funken herum erzeugt eine
Druckstörung, die sich in das umgebende Medium ausbreitet. Die Welle besitzt bereits am
Entstehungsort eine große Druckamplitude mit steilem Drucksprung. Sie breitet sich sphärisch um
den (punktförmigen) Entstehungsort (F1) aus ( Abbildung 6 ).
Durch Reflexion an einem elliptischen Spiegel wird die Welle im zweiten Fokus (F2) des Ellipsoids
konzentriert ( Abbildung 7 ).
Mit Hilfe der Fokussierung kann der Wirkbereich der Stoßwelle in größere Gewebetiefen (ca. 15 cm)
gelegt werden.
3.1.2 Piezoelektrische Druckpulserzeugung
Die piezoelektrische Druckpuls- bzw. Stoßwellenerzeugung
macht sich die schlagartige Ausdehnung von piezoelektrischen Materialien zu Nutze. Eine auf einer
sphärischen Fläche angeordnete Schicht von Piezoelementen (s. Abbildung 9 )
wird durch Anlegen einer Spannung synchron ausgelenkt. Die sphärische Anordnung erzeugt eine
konvergente Kugelwelle, die im Zentrum der Kugel konzentriert wird.
Auf dem Weg zum Zentrum werden hohe Amplitudenwerte erreicht, die eine Aufsteilung der Welle
zur Folge haben. Eine Stoßwelle wird in der Nähe des Zentrums der Kugel generiert.
3.1.3 Elektromagnetische Druckpulserzeugung mit Flachspule
Die elektromagnetische Druckpuls- bzw.
Stoßwellenerzeugung mit Flachspulen arbeitet nach dem
Lautsprecherprinzip. Eine flache Membran wird durch elektromagnetische Kräfte stoßartig
ausgelenkt und erzeugt so eine ebene Welle, die mit Hilfe einer akustischen Linse auf einen
Wirkbereich fokussiert wird. Ebenso wie bei der piezoelektrischen Stoßwellenerzeugung entsteht
eine Stoßwelle durch Aufsteilung in der Umgebung des Fokuspunktes.
3.1.4 Elektromagnetische Druckpulserzeugung mit Zylinderspule
Die elektromagnetische Druckpuls- bzw.
Stoßwellenerzeugung mit Zylinderspulen arbeitet
ebenfalls nach dem Lautsprecherprinzip, wobei jedoch primär eine Zylinderwelle erzeugt wird, die
ohne akustische Linsen mit Hilfe eines parabolischen Reflektors fokussiert wird (
Abbildung 12
). Eine Stoßwelle entsteht durch Aufsteilung in der Fokuszone
3.1 Mechanische Druckwellenerzeugung
Anders als bei den oben beschriebenen Verfahren zur Erzeugung von Stoßwellen werden
medizinisch genutzte Druckwellen durch den Aufprall eines Projektils auf einen Prallkörper erzeugt.
Der Prallkörper wird dabei in direkten Kontakt mit der Körperoberfläche gebracht, gegebenenfalls
unter Verwendung von Ultraschall-Koppelgel (s. Abbildung 13
).
Bei derzeit auf dem Markt befindlichen Geräten wird das Projektil mittels Pressluft auf eine
Geschwindigkeit von einigen Metern pro Sekunde beschleunigt. Das Projektil stößt auf einen
Prallkörper und gibt dabei einen Teil seiner kinetischen Energie an diesen ab. Angestoßen durch das
Projektil bewegt sich der Prallkörper translatorisch zunächst eine kurze Strecke
(< 1mm) ebenfalls mit einer Geschwindigkeit im Bereich von etwa einem Meter pro Sekunde (<
1 m/s) bis er durch den Kontakt mit dem angekoppelten Gewebe bzw. im Handstück des
Anwendungsteils abgebremst wird. Die Bewegung des Prallkörpers wird am Berührungspunkt in das
Gewebe übertragen, wo sie sich als Druckwelle divergent ausbreitet. Die zeitliche Dauer des
Druckpulses wird durch die translatorische Bewegung des Prallkörpers bestimmt und beträgt im
Gewebe ca. 0,2 - 2 Millisekunden.
Um die Verhältnisse bei der Einkopplung der Druckstörung in den Körper zu simulieren, kann
man die Auslenkung des Prallkörpers im Kontakt mit Wasser untersuchen. Das zeitliche Profil der
Auslenkung wird durch das angekoppelte Wasser gedämpft (Auslenkung ca. 0,06 mm) und leicht
verzerrt. (Man beachte den veränderten zeitlichen Maßstab der rechten gegenüber der linken Grafik
in Abbildung 14
).
Der Prallkörper überträgt durch seine Auslenkung eine Druckstörung auf das angekoppelte
Gewebe, die an der Kontaktstelle das gleiche zeitliche Verhalten wie die Auslenkung zeigt.
Neben der beschriebenen translatorischen Bewegung des Prallkörpers tritt ein weiteres
Phänomen auf, das im Folgenden betrachtet wird:
Das Projektil und auch der am Körper angesetzte Prallkörper sind üblicherweise aus
metallischen Materialien gefertigt. Beim Zusammenstoß der beiden Metallkörper werden
hochfrequente Schwingungen (Stabwellen) in den Metallkörpern angeregt, die sich der „langsamen“
Translationsbewegung des Prallkörpers überlagern. Dieses Phänomen wird in der Abbildung 14
durch die gezackte Linienführung deutlich.
Ein Teil dieser im Prallkörper angeregten Schwingungsenergie wird auch in Wasser abgestrahlt
und ist dort mit den üblichen Hydrophonen nachweisbar. Es handelt sich dabei um eine gedämpfte
Schwingung, wie sie in Abbildung 15
dargestellt ist.
Die in der hochfrequenten Schwingung enthaltene Energie ist aber um einige Größenordnungen
geringer als der Energieinhalt des oben beschriebenen (niederfrequenten) Druckpulses. Er liegt im
Bereich von diagnostischem Ultraschall und damit deutlich unterhalb des Wirkbereiches üblicher
Ultraschall-Therapiegeräte.
Der im Vergleich zur Stoßwelle lange Druckpuls ist mit den in der Stoßwellentechnik üblichen
Drucksonden nicht oder nur schwer nachweisbar. Die Wellenlänge beträgt bei dem in Abbildung 14
dargestellten Puls etwa 45 cm, ist also deutlich größer als die Abmessung des Oberarms. Deswegen
kann man an dieser Stelle nicht von einer Wellenausbreitung sprechen. Darüber hinaus sind die
üblicherweise verwendeten Hydrophone in dem zugehörigen Frequenzbereich (< 5kHz) nicht zum
Nachweis dieser Schwingungen geeignet.
Innerhalb von Festkörpern und biologischem Gewebe jedoch sind Atome und Moleküle nicht frei
verschiebbar, so dass sich hier Druck-, Zug- und Scherkräfte ausbilden können, die biologische
Effekte und eine therapeutische Wirkung zur Folge haben können. Mit geeigneten Drucksensoren,
die auch im niederfrequenten Bereich (<5kHz) empfindlich sind, ist dieser niederfrequente
Druckverlauf im Gewebe oder in realitätsnahen Gewebephantomen registrierbar.
4 Diskussion
4.1 Prinzipielle Unterschiede
Die in Abschnitt 3.1 diskutierten Systeme haben gemeinsam, dass sich das Maximum der
Schallenergiedichte in einiger Entfernung vom Entstehungsort des Druckpulses befindet. Dies
bedeutet, dass am Eintrittsort der Welle in den Körper eine geringere Energieflussdichte vorliegt als
am Wirkort, der sich einige Zentimeter unter der Hautoberfläche befinden kann. Physikalisch
betrachtet handelt es sich um konvergente Schallfelder ( Abbildung 16
), deren Ort maximaler Energieflussdichte als Fokus bezeichnet wird. Die Wellenlänge (<
1cm) der erzeugten Druckpulse muss hierbei deutlich kleiner als der Durchmesser der
Druckpulsquelle (~15cm) sein. Dies ist die physikalische notwendige Voraussetzung für die
Fokussierung.
Im Gegensatz dazu ergibt bei dem Druckpulssystem eine Wellenlänge von ca. 40cm, welche
deutlich größer ist als der Durchmesser der Druckpulsquelle (~2cm), physikalisch zwangsläufig eine
divergente, nicht fokussierbare, Wellenausbreitung. Dies erkennt man deutlich bei dem in Abschnitt
3.2 beschrieben System.
Dieses erreicht die größte Energieflussdichte an der Druckpulsquelle, d.h. der Spitze des
Applikators. Vom Applikator ausgehend breiten sich die Druckpulse radial mit abnehmender
Energieflussdichte aus (proportional 1/r 2 , siehe Abbildung 17
). Aufgrund des divergenten Schallfeldes wird die größte Wirkung an der Hautoberfläche
erreicht und nimmt mit zunehmender Gewebetiefe ab. Aus physikalischer Sicht handelt es sich
hierbei um unfokussierte Systeme, da die Schallausbreitung divergent erfolgt.
Ein Fokus liegt nur dann vor, wenn Wellen gebündelt werden und aus dieser Konvergenz ein
Ort maximaler Energieflussdichte resultiert.
4.2 Technische Unterschiede
In der Praxis ergeben sich die im Folgenden dargestellten technischen Unterschiede:
|
Stoßwellen (fokussiert) |
Druckwellen (unfokussiert) |
Unterschied |
Fokus |
ja |
nein |
|
Ausbreitung |
nicht-linear |
linear |
|
Aufsteilung |
ja |
nein |
|
Anstiegszeiten |
0,02 - 0,1 ?s * |
typisch 50 ?s |
ca. 1:1000 |
Kompressionspulsdauer |
ca. 0,3 ?s |
ca. 200 -2000 ?s |
ca. 1:1000 |
positiver Spitzendruck |
0-100 MPa |
0-10 MPa |
10:1 - 100:1 |
Energieflussdichte |
0-3 mJ/mm2 |
0-0,3 mJ/mm2 |
ca. 10:1 |
Stoß- und Druckwellen unterscheiden sich nicht nur in ihrer physikalischen Charakteristik und
der Erzeugungstechnik sondern auch in der Größenordnung der üblicherweise verwendeten
Parameter. Bei den wichtigsten hier aufgeführten Parametern betragen die Unterschiede ca. 1-3
Größenordnungen.
5 Zusammenfassung
Geräte, die in der Lage sind, Stoßwellen zu erzeugen, bezeichnet man üblicherweise als
Stoßwellen- Systeme (erste Spalte der Tabelle). Hiermit folgt man der bisher in
der Medizin verwendeten Bezeichnung. Zur genaueren Unterscheidung mag der Zusatz:
fokussierte Stoßwellenhilfreich sein
Demgegenüber empfehlen wir, Systeme, die Druckwellen im oben beschriebenen Sinne
erzeugen, als Druckwellen -Systeme (zweite Spalte der Tabelle) zu bezeichnen.
Zur genaueren Unterscheidung mag der Zusatz unfokussierte
Druckwellen hilfreich sein.
Der Begriff radiale Stoßwellen ist physikalisch nicht korrekt.
5 Literatur
Für den an Grundlagen interessierten Leser:
[1] W. Eisenmenger, “Experimentelle Bestimmung der
Stoßfrontdicke aus dem akustischen Frequenzspektrum elektromagnetisch erzeugter Stoßwellen in
Flüssigkeiten bei einem Stoßdruckbereich von 10 atm bis 100 atm“,
Acustica, 14, Nr.
4,
(1964),
187-204
Für den an der Messtechnik interessierten Leser:
[2] F. Ueberle, „Einsatz von Stosswellen in der Medizin“ in
„Kramme, Medizintechnik, 2. Auflage, Springer 2002“
[3] F. Ueberle, " Shock Wave
Technology" in: Extracorporeal Shock Waves in Orthopaedics (Eds. W. Siebert, M. Buch)
Springer 1997
[4] Engelbrecht R., Schulz R., Hagen J.,
Pfister T., Granz B., Nanke R., Fehre J.:
"Robust Light Spot Hydrophone with Calibr ation Control for the Measurement of Medical
Ultrasound Shock Waves". In: Proceedings Volume II, Sensor 2005, (12th Int. Conf. Sensor
2005, Nürnberg, May 2005), pp. 31-36.
AMA Service GmbH, Wunstorf, Germany 2005.